[Erziehung] Die Technisierung – Verlust von Kultur?

Eigentlich habe ich mich mit knapp 29 Jahren nicht für besonders alt gehalten. Doch mit einem Kind denkt man darüber nach, wie die eigene Kindheit und Jugendzeit war. Dieser Gedanke kam mir neulich, als ich auf meinem Smartphone eine SMS tippte und Junior ganz interessiert zuschaute. Plötzlich war er da, ein eigentlich absurder Gedanke: „Mein Kind wird keine Telefonzellen kennenlernen!“

Es ist nicht unbedingt die Telefonzelle selbst, die bei diesem Gedanken die tragende Rolle spielt, sondern alles wofür sie steht. Ich hatte meine Teeniezeit in den 1990er Jahren. Mein erstes Handy mit 17. Das heißt, wenn ich mit 12/13 Jahren irgendwo unterwegs war und musste zu Hause anrufen oder wollte unbedingt gleich mit einer Freundin reden, musste ich in eine Telefonzelle gehen. Diese waren damals die einzige Möglichkeit, von unterwegs jemanden zu erreichen. In der Schule hatte ich immer 30 Pfennig in der Tasche, falls der Bus nicht kam und ich meine Mutter anrufen musste.
…Ich erinnere mich daran, wie eine ganze Reihe Telefonbücher in der Telefonzelle hingen. Nennt mich sentimental, aber irgendwie ist es ein trauriger Gedanke, dass so etwas nie ein Teil des Lebens meines Sohnes sein wird.

Ich erinnere mich an eine Zeit ohne Handy. Ohne Internet, ohne Whatsapp und E-Mail. An eine Zeit, in der man nicht 24 Stunden am Tag für jeden erreichbar sein musste. Meine Schwester nimmt ihr Handy jeden Abend mit ans Bett. Als wir klein waren, hatten wir noch nicht mal ein schnurloses Telefon. Wenn in der Grundschulzeit eine Freundin anrief, blieb ich im Flur stehen zum telefonieren. Wird mein Kind die Freiheit zu schätzen wissen, die diese technischen Neuerungen mit sich bringen?
Ehrlich gesagt mache ich mir darüber Gedanken, denn ich kann mir nur schwer vorstellen, wie es für ihn sein wird, in einer Welt aufzuwachsen, in der ein Facebook-Profil zum Leben dazu gehört wie der Kakao morgens.
Eine Welt, in der man sich nicht am Tag vorher auf eine Uhrzeit und einen Treffpunkt einigen muss, weil man keine Möglichkeit hat, die Person zu erreichen falls sie nicht auftaucht.

Bin ich also ein Relikt? Wird es meinem Kind seltsam vorkommen, dass ich Lieder aus dem Radio auf eine Kassette aufgenommen habe? Wird es ihm so seltsam vorkommen wie mir die Vorstellung seltsam vorkam, dass bei meiner Mutter als Kind nur Samstags ferngesehen wurde und dass es dann auch nur drei Programme gab?

Ich gebe zu, es macht mir ein wenig Angst, so schlecht einschätzen zu können, wie sehr das Leben meines Kindes mit dem Internet verbunden sein wird und welche Gefahren darin stecken werden. Ich versuche noch auszuloten, wie ich ihn darin unterstützen kann, zu einem Menschen zu werden, der trotz des gesellschaftlichen Drucks fähig ist, eine von Medien unabhängige Person zu sein. Nicht dass er sich davon fernhalten soll, abr er soll unbedingt die Fähigkeit besitzen, zwischen virtuellem und der Realität zu unterscheiden.
Und vielleicht kann ich ihm auch die Vorteile vermitteln, die meine etwas unbequemere, aber dafür geschlossenere (im positiven Sinne, ich war verbunden mit realen Menschen, nicht mit der ganzen Welt) Kindheit und Jugend hatte.

(erstmals veröffentlicht am 3.12.2012)

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