[Erziehung] Working Mum – Leben zwischen den Welten

Wenn man ein Kind bekommt, lässt man alles auf sich zukommen. Man macht sich keine Vorstellung, was konkret passieren wird, wenn das erste Jahr um ist und man ohne Elterngeld dasteht. Natürlich plant man vorher seinen Wiedereinstieg in den Job, die Verlängerung der Elternzeit oder mögliche Alternativen. Aber sind wir doch mal ehrlich: Man hat beim ersten Kind einfach keine Ahnung, was wirklich auf einen zukommt als arbeitende Mutter.

Zusätzlich zu den organisatorischen Feinheiten kommen auch noch Vorurteile, mit denen man sich sowohl als arbeitende Mutter, als auch als Hausfrau auseinander setzen muss. Ich möchte an dieser Stelle und in Bezug auf die Erfahrung, die ich gemacht habe, einfach mal verschiedene Möglichkeiten beleuchten und das Arbeiten mit Kind in ungeschöntem Licht darstellen.

Undankbarer Staat?

Es ist in der Tat so, dass man im Laufe der Zeit durchaus das Gefühl bekommt, der deutsche Staat meint es nicht gut mit berufstätigen Müttern. Und ja, man hat Nachteile, die eine Frau ohne Kinder nicht hat. Zunächst fehlt einem ein Jahr lang das volle Gehalt, das man zu einem bestimmten Prozentsatz durch das Elterngeld ersetzt bekommt. Natürlich ist das im Grunde großzügig, vergleicht man es mit dem Erziehungsgeld, das es noch vor einigen Jahren stattdessen gab, und das sich nicht am Einkommen der jungen Mutter orientiert hat, sondern pauschal bezahlt wurde. Trotzdem empfand ich persönlich es als suspekt, dass ich in diesem ersten Jahr als Mutter höhere Ausgaben hatte (ein Kind kostet eben einiges), aber weniger „verdient“ habe. Nun mag man pessimistisch sagen: Sei doch froh, dass du überhaupt etwas bekommst für’s Nichtstun! Ich beschränke mich auf die Antwort: So etwas sagt nur jemand, der noch nie ein eigenes Kind betreut hat. Denn grundsätzlich kann man über das erste Jahr der Elternschaft frei nach Dickens sagen „Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit“. Zumindest, wenn man unter Schlafentzug so leidet, wie ich. Natürlich ist es daneben auch einfach großartig zuzusehen, wie ein kleines Wesen größer wird, wie es lernt zu greifen, zu laufen, zu lachen. Ich kenne keine Mutter, die im Nachhinein sagen würde, sie hätte irgendetwas anders gemacht. Also hat das Geld an dieser Stelle tatsächlich keinen ideellen Wert, sondern einen existentiellen. Das Elterngeld soll einer Mutter oder einem Vater den Rücken frei halten, um die Zeit zu haben, dem Kind das Urvertrauen zu geben, das es braucht, um ein eigenständiger Mensch zu werden.

Grundsätzlich zeichnet sich durchaus eine Entwicklung dahingehend ab, dass man mehr Rücksicht auf die Tatsache nimmt, dass viele Frauen einfach nicht die Wahl haben, ob sie arbeiten gehen wollen oder nicht, viele müssen. Und es besteht dennoch Handlungsbedarf an vielen Fronten. Es ist nicht verwunderlich, dass die Geburtenrate sinkt, dass viele Elternpaare es letztendlich bei einem Kind belassen oder sich viele ganz dagegen entscheiden, ein Kind zu bekommen. Denn es ist nicht einfach und man bekommt viele Steine in den Weg gelegt.

Vorurteile

Sobald man sich im Internet bewegt oder auch nur mit der Familie ins Gespräch kommt, wird man unweigerlich mit Vorurteilen konfrontiert. Jede Frau denkt, dass ihr Weg der heilige Gral war. Dies führt bei einer jungen, gestressten und verunsicherten Mutter zwangsläufig zu einem Gedanken: Ich muss eine Rabenmutter sein. Und zwar ganz egal, ob ich arbeiten gehe oder nicht, ich finde immer jemanden, der mir überzeugend klar machen kann, dass mein Weg der Falsche ist. Wer an dieser Stelle denkt, Frauen würden dazu neigen, sich zu unterstützen, der irrt. Gerade Mütter (egal welchen Alters) neigen zum schnellen Verurteilen, schon bevor sie Hintergründe kennen.

Nun bin ich selbst das Kind einer Mutter, die Hausfrau war, bis ich 12 Jahre alt war. Und ich fand es ganz toll, dass meine Mama zu Hause war, wenn ich aus der Schule kam. Und die Entbehrungen, die das mit sich brachte, habe ich akzeptiert. Ich kannte es ja nicht anders. Nun wird sich der eine oder andere fragen: Warum gehst du dann arbeiten? Warum gibst du deinem Kind nicht das, was du selbst hattest? Eine Mama, die zu Hause ist!
Tja, dahinter stecken immer verschiedene Faktoren, die jede Frau für sich selbst abwägen muss.
Bei mir waren es zum einen die Gegebenheiten meines Berufes (die ich nicht näher erläutern möchte), die einen schnellen Wiedereinstieg sinnvoll gemacht haben. Darüber hinaus möchte ich meinem Kind gern einen gewissen Lebensstandard ermöglichen, der nichts mit gehobenem Lifestyle zu tun hat, sondern mehr mit der Tatsache, leben zu können, ohne jeden Cent zweimal umdrehen zu müssen. Und zu guter Letzt bin ich auch keine Supermom, die absolut darin aufgeht, 24 Stunden zu Hause zu sein, alles sauber zu halten und zu kochen. Ich mache meinen Beruf unheimlich gern und bin selbst wesentlich ausgeglichener, wenn ich meine Arbeit habe.

Meine ganz persönliche Erfahrung ist außerdem, dass nur zu Hause zu sein und dementsprechend wenig Kontakt zur Außenwelt zu haben, sich oft negativ auf das eigene Weltbild auswirkt. Da man außer dem eigenen Kind und vielleicht dem einen oder anderen Vorkommnis in Familie oder Freundeskreis kaum etwas hat, das einen beschäftigt, bauscht man eigentlich hirnverbrannte, kleinliche Dinge zu etwas Größerem auf, damit man etwas zu tun hat. Das machen mit Sicherheit nicht alle Mütter, die zu Hause sind. Ich kenne einige, bei denen es nicht so ist und ebenso welche, die diesbezüglich definitiv schuldig sind. Mich hat es jedenfalls wahnsinnig gemacht, weil ich es auch bei mir feststellen musste.

Nun sehe ich mich, abgesehen vom eben genannten Punkt, als jemanden, der grundsätzlich keine Vorurteile gegen beide Seiten hat. Ja, es gibt Hausfrauen, die aus einer Mücke einen Elefanten machen weil sie sonst nichts zu tun haben. Aber es gibt natürlich auch Mamas, die mit einjährigem Kind morgens um 8 Uhr aus dem Haus gehen und abends um 18 Uhr erst zurück kommen. Auch das empfinde ich nicht als wirklich grandios. Da muss man – und das ist es, womit sich die meisten Mütter schwer tun – anderen Mamas einfach etwas Freiraum lassen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und das Vertrauen in sie setzen, dass sie am Ende wissen, was sie ihrem Kind zumuten können und was nicht.

Ich selbst habe mein Kind mit 14 Monaten vormittags in die Fremdbetreuung zu einer Tagesmutter gegeben. Ab dem zweiten Geburtstag in den Kindergarten. Und gerade aus der Generation, die Kinder in den 1980ern und frühen 1990ern bekommen hat, habe ich da einiges an Gegenwind bekommen. Damals war es üblich, dass man als Mutter mindestens bis zum dritten Lebensjahr des Kindes zu Hause blieb.
„Ein Kind muss bei der Mutter sein, bis es 3 Jahre alt ist.“
„Ein Kind unter 3 hat in einem Kindergarten nichts zu suchen.“
„Ein so kleines Kind braucht seine Mutter doch noch.“
Nun ist das Problem, das ich von Beginn an hatte, dass zu Hause zu bleiben für mich keine echte Option war. Zusätzlich dazu sehe ich mich nach wie vor als Mutter und Pädagogin durchaus in der Lage, einschätzen zu können, was für mein Kind funktioniert und was nicht. Da das erste Kind naturgemäß zunächst mal ein Einzelkind ist, empfinde ich den Kontakt zu anderen Kindern als sehr wichtig. Ich finde es wichtig, dass mein Kind lernt, sich in einem anderen Umfeld an angepasste Spielregeln zu halten. Ich finde es wichtig, dass mein Kind lernt, Rücksicht auf andere zu nehmen und zu begreifen, dass es manchmal eben nicht die erste Geige spielt.
Dafür nehme ich in Kauf, dass ich mich manchmal wie eine Rabenmutter fühle, weil andere Mütter versuchen, mir dieses Bild wie ein Spiegel zurück zu werfen. Dafür nehme ich in Kauf, dass ich schon an manchen Tagen morgens weinend zur Arbeit gefahren bin, weil mein Kind bei der Verabschiedung geweint hat und es mir im Herz weh getan hat.
Grundsätzlich lebt man als Mutter oder Vater im Grunde ganz und gar von der Hoffnung, dass das eigene Kind später einmal sagen wird: Das hast du genau richtig gemacht!
Und selbst, wenn es etwas zu meckern geben wird (und das wird es, denn niemand ist perfekt), sollte man sagen können: Ich habe es so gut gemacht, wie ich konnte. Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Die Beziehung zu meinem Kind lässt sich nicht an der Zeit aufrechnen, die ich mit ihm verbracht habe, sondern an der Sicherheit, dass ich für es da bin, wann immer es mich braucht.

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