[Erziehung] Der kleine Mann – fehlende Rollenvorbilder?

Vor einigen Wochen las ich das neue Buch von Ildiko von Kürthy, in welchem sie über ihre Schwangerschaft und das erste Jahr mit ihrem Kind berichtet. Eine bestimmte Überlegung kam darin mehr am Rande vor, beschäftigt mich aber seither. Die Autorin überlegte, ob es für einen Jungen überhaupt noch passende Rollenvorbilder gibt auf seinem Weg zum erwachsenen Mann.

Nun, klar ist eins: Das Wort Feminismus ist geläufig und die meisten Menschen, denen man auf der Straße begegnet, werden auch das eine oder andere dazu sagen können. Dass sich Frauen ihre heutigen Rechte hart erkämpft haben, ist unumstritten. Auch das Rollenbild der Frau hat sich stark gewandelt. Liest man einen Roman aus den 1980er Jahren wird man meist noch auf das Rollenmodell „Starker Mann – naive Frau“ treffen. Doch allein ein Blick in die Buchhandlungen genügt, um anschaulich zu machen, dass starke Frauen heute mehr denn je gefragt sind. Niemand wird abstreiten, dass es eine fantastische Zeit ist, um eine Frau zu sein. Man kann werden, was man will, sowohl beruflich als auch privat. Konventionen und rechtliche Einschränkungen sind so weit aus dem Weg geräumt, dass es tatsächlich möglich ist, sich als Frau selbst zu erfinden.

Bis zu dem genannten Absatz in diesem Buch kam mir nie der Gedanke: Und was bleibt für die Männer übrig?
Und für mich viel bedeutsamer: Welches Rollenmodell, welche Werte und Eigenschaften werden für meinen Sohn relevant sein auf dem Weg zum Erwachsenen?
Ich glaube nicht, dass der Umkehrschluss zu den ganzen Feministinnen bedeutet, dass Männer „verweichlichen“. Wenn Frauen unterdrückt waren, waren Männer dann die Unterdrücker? Die Ernährer der Familie, die Oberhäuper selbiger, die Dominanten? Das klingt alles wenig positiv.
Ich muss ehrlich sagen, ich lehne Sprüche wie „Jungs weinen nicht“ kategorisch ab, denn der harte Mann muss nicht sein und ist eine überholte Vorstellung.
Ist es nicht vielmehr so, dass im Grunde sowohl Anspruch als auch Verteilung der Lebensaufgaben gleichmäßiger zwischen den Geschlechtern aufgeteilt werden? Vielleicht ist das ja kein Verlust für das männliche Geschlecht, sondern eher ein Gewinn. Wenn ein Mann z.B. nicht mehr alleine für den Lebensunterhalt seiner Familie verantwortlich ist, nimmt das viele Sorgen. Wenn auch ein Mann sich an der Kindererziehung verstärkt beteiligt, festigt das sehr wahrscheinlich seine Beziehung zu den Kindern und dadurch die Bande, welche die ganze Familie zusammenhalten.

Diese Überlegungen stagnieren an einem gewissen Punkt, denn diese ganze Entwicklung ist gesellschaftlich noch nicht abgeschlossen und wird es sehr wahrscheinlich auch noch nicht sein, wenn mein Sohn erwachsen ist.
Ich verbleibe derweil mit der Überzeugung, dass mein Sohn nicht unbedingt viele Rollenvorbilder braucht, um ein starker, selbstbewusster Mensch zu werden. Und streiche bis dahin Aussagen wie „Jungs weinen nicht“ und „Ein Krieger kennt keinen Schmerz“ aus meinem Vokabular. Sie haben, wie die Romane aus den 80er Jahren Staub angesetzt und sind muffig geworden – genau richtig zum entsorgen.

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