[Zeitgeschehen] Warum Respekt uns so schwer fällt

Fast einen Tag lang ist es mir gelungen, den Medienberichten zu diesem Flugzeugabsturz aus dem Weg zu gehen. Die Tatsache, dass dort junge Familien, Kinder, Menschen, denen eine Zukunft zugestanden hätte, umgekommen sind, war schlimm genug. Von Spekulationen wollte ich nichts wissen, ich besitze diese Gaffer-Mentalität, die man auf Autobahnen nach Unfällen beobachten kann, einfach nicht.

Spätestens nach der Pressekonferenz, in welcher der Copilot als mutmaßlicher „Täter“ dargestellt wurde, gab es aber kein Entkommen mehr. Sobald man sich in einem sozialen Medium bewegt, kann man den Spekulationen nicht mehr aus dem Weg gehen. So habe ich in den letzten Tagen extrem häufig regelrechte Hasstiraden gelesen, sowohl gegen den Copiloten als auch gegen die Regierung, weil sie angeblich dem Volk Informationen vorenthalte (hierzu auch dieser kritische Artikel von Mimikama). Verschwörungstheorien, wie die in dem hier behandelten Artikel thematisierte, machen die Runde und gerade die Medien, von denen man nichts anderes erwartet, wollen ihren Teil vom großen Kuchen abbekommen, der sich aus Neugier und Sensationsgier hier für sie holen lässt.

Besonders amüsant ist in diesem Zusammenhang eine Stellungnahme, in der eine (wenn nicht die größte) Zeitschrift, die eben jenes Publikum durch das gezielte Positionieren von Schlagwörtern einfängt, das Veröffentlichen von vollständigem Namen und einem Foto von ihm auf der kompletten Titelseite als historische Aufklärungsarbeit verkauft.

Dieses ganze Vorgehen möchte ich an der Stelle nicht weiter in Frage stellen. Das tun schon genug Bürger – zu recht. Mich interessiert ein anderer Aspekt viel mehr: Wann ist uns der Respekt abhanden gekommen? Ich kann natürlich verstehen, dass sehr viele Menschen einfach gerne wüssten, was in diesem Flugzeug passiert ist. So etwas passiert (zum Glück) nicht häufig und ist deshalb umso interessanter. Der mangelnde Respekt beginnt meines Erachtens aber an der Stelle, wo man sich auf vorschnell als Fakten verkaufte Spekulationen stürzt, um sich am Abendbrottisch darüber auslassen zu können, was für ein schlimmer Mensch das doch gewesen sein muss. Bevorzugt mit Sicherheit von Menschen, die gern auf ihren Facebook-Profilen jammern, weil andere „doch mal in ihren Schuhen laufen“ sollten, bevor sie über sie urteilen. So beginnt der Wunsch nach Respekt und einem Leben ohne vorschnelle Verurteilung bei uns und endet leider bei vielen auch bei sich selbst.

Fakt ist: Sollten sich die Spekulationen als wahr herausstellen (und es ist fraglich, ob das jemals möglich ist), stellt sich natürlich die Frage, warum jemand so viele Menschen – unter ihnen Babys und Kinder – mit in den Tod reißen musste. So lange aber nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen, steht es schlicht niemandem zu, zu verurteilen. Historische Ereignisse hinterlassen mit ihren Leerstellen natürlich Platz für Spekulationen, die aber auf einer sachlicheren Ebene und ohne vorgefertigte Klischees und Stigmatisierung auskommen sollten. Zeitungen wie die mit den vier großen Buchstaben versuchen nicht, „Geschichte zu erkennen, zu dokumentieren, zu erzählen, während sie entsteht“ (Zitat aus oben verlinkter Stellungnahme), sondern sie versuchen, Ereignisse nach ihrem eigenen Bild (nettes Wortspiel) zu prägen und verfälschen Geschichte damit. Zudem sollte sich jeder von uns die Frage stellen, wie es uns als Familie des Betroffenen erginge und sich die Unsäglichkeit bewusst machen, mit der man im Moment dieser Familie begegnet, die trotz allem auch jemanden verloren hat. Wollen wir wirklich so sein?

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