[Erziehung] Das Muttersein bereuen? – umstrittene Diskussion #regretting motherhood

Im Moment kursiert im gesamten Internet eine hitzige Diskussion basierend auf einer israelischen Studie, in der 23 Mütter zugegeben haben, ihre Mutterschaft zu bereuen (lest dazu auch diesen Artikel). Zwar lieben sie ihre Kinder, doch würden sie noch einmal entscheiden können, würden sie sich gegen die Mutterschaft entscheiden.
Nun spalten sich deshalb natürlich die Geister: Die einen finden dafür absolut kein Verständnis, weil sie selbst in der Mutterschaft vollkommen aufgehen und ihnen nie etwas Besseres passiert ist, als ihre Kinder zu bekommen. Die anderen zeigen durchaus Verständnis dafür und können die Aussagen der Frauen im Interview nachvollziehen. Interessant fand ich an dem verlinkten Artikel, der sich auch mit einigen Blogbeiträgen dazu beschäftigt, dass alle Mütter, die Verständnis zeigen, gleichzeitig deutlich betonen, dass sie selbst das aber nicht so empfinden wie die Frauen in der Studie. Dies wiederum zeige, so der Artikel, dass es tatsächlich gesellschaftlich verpönt ist, zuzugeben, dass man nicht gerne Mutter ist. Als jemand, der sich – wie man an diesem Blog ja deutlich merkt – häufig mit allen Fragen rund um Mutterschaft und Erziehung auseinander setzt, habe ich natürlich auch für mich selbst überlegt, welche Position ich hier einnehmen würde.

Ich bin keine Super-Übermama. Ich gehe arbeiten und ich gehe gern arbeiten neben meinem Dasein als Mutter. Für mich stand schon immer fest, dass ich einmal Mama werde und mir war schon immer bewusst, dass das eine große, anstrengende und sehr verantwortungsvolle Aufgabe sein würde. Deshalb war ganz klar: Erst einmal Studium und Ausbildung beenden, vorher kommt es für mich nicht in Frage, Mutter zu werden. Selbst wenn man, so wie ich, einen relativ realistischen Blick auf die Konsequenzen der Mutterschaft hat, macht man sich dennoch keine genaue Vorstellung davon, wie es sein wird. Die Hebamme sagte damals zu mir: „Der Übergang von keinem zu einem Kind ist sehr schwer.“ und sie hatte recht. Ich habe massiv unter dem Schlafentzug gelitten, zusätzlich Probleme mit dem Stillen gehabt und häufig das Gefühl, verschiedene Dinge, die uns von der Gesellschaft als einzig richtige Möglichkeit vermittelt werden, falsch zu machen. Der Begriff „Rabenmutter“ spukt einem sehr oft im Kopf herum. „Dein Kind schläft im eigenen Bett, im eigenen Zimmer seit es 6 Wochen alt war? MEIN Kind schläft im Familienbett, es ist meine Überzeugung, dass Kinder Nähe brauchen und man sie zu gefühllosen Menschen erzieht, wenn man sie ganz allein in einem kalten, unwirtlichen Raum schlafen lässt.“ Man rechtfertigt sich vor sich selbst und anderen permanent, die ganze Zeit. Manchmal ist man unsicher. Natürlich hätte ich mein Baby weiterhin im Elternschlafzimmer behalten können. Nur war er sehr hellhörig und wurde beim kleinsten Geräusch wach. Im eigenen Zimmer schlief er dagegen super. Man findet irgendwann genug Selbstvertrauen, zu sagen: Vielleicht ist nicht alles richtig, was ich mache. Und natürlich mache ich Fehler, ich bin nur ein Mensch. Aber ich tue alles so gut ich kann und habe mir nichts vorzuwerfen

Wenn man sich entscheidet, ein Kind zu bekommen, muss man sich einer Sache absolut bewusst sein: Das eigene Leben ändert sich vollkommen! Nicht nur in einzelnen Bereichen, sondern in jedem Bereich. Man kann nicht mehr spontan samstags abends ausgehen, selbst ein simpler Kinobesuch mit dem Partner setzt voraus, dass es jemanden gibt, der den Zwerg wenigstens für einige Stunden nimmt. Auch der Tagesablauf an sich wird vom Kind kontrolliert, denn man richtet sich nach seinen Schlaf- und Essenszeiten. Die zusätzliche Belastung von außen, nämlich die „guten“ Ratschläge und Kritik händelt man irgendwann einfacher und nach etwa 2 Jahren (bei manchen Kindern mehr, bei anderen weniger) sieht man ein Licht am Ende des Tunnels. Sobald sie selbständig essen und endlich auf Fragen antworten können, ist das Leben schon erheblich einfacher. Dennoch gebe ich unumwunden zu, dass ich in den ersten 3 Lebensmonaten meines Kindes an so manchem Morgen um 4 Uhr dem Sonnenaufgang müde und verquollen zugesehen und mir gedacht habe: „Was habe ich getan?“ Und ja, es gibt Momente, da ist man nicht so gern Mama, da möchte man wieder ein eigener, selbstbestimmter Mensch sein. Und die gesellschaftliche Einstellung, eine Mutter müsste in ihrer Aufgabe vollends aufgehen, beschert einem nur wieder Schuldgefühle.

Zum Glück ist es bei mir so, dass ich etwas habe, das den Müttern aus der Studie offenbar fehlt: Lichtblicke. Ich habe mich wie eine Wahnsinnige über das erste Lächeln meines Babys gefreut, ich habe ihm so gern seinen ersten Brei gegeben, ich hätte platzen können vor Stolz, als er das erste Mal „Mama“ gesagt hat und ich war überglücklich, als er sich mit knapp 7 Monaten plötzlich hochzog und auf seinen stämmigen Beinchen stand. Ich liebe es, Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke für ihn einzupacken und ich freue mich, wenn er ein Abschiedsküsschen von mir haben will, bevor ich den Kindergarten verlasse. Also ja, ich bin sehr gerne Mama und ich würde meinen Zwerg nicht mehr hergeben wollen, auch wenn er mich manchmal verrückt macht. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie unglücklich eine Frau sein muss, die diese Dinge im Umgang mit ihrem Kind einfach nicht fühlt oder für die sie zumindest die anstrengenden Aspekte des Mutterseins nicht überwiegen.

So wie ich irgendwann nicht mehr auf das gehört habe, was von anderen als gute Ratschläge verkauft wurde und ganz ehrlich auch mittlerweile sage: „Spar dir den Atem, das ist mein Kind und ich weiß es am besten.“, so müsste unsere Gesellschaft es endlich mal schaffen, aufzuhören, Mütter zu kritisieren, weil sie nicht in ein 08/15-Raster passen. Ich bin überzeugt, dass jede Mutter ihren Frieden machen könnte, wenn sie die Freiheit hätte, ihren eigenen Weg zu finden. Denn wir vergessen nur allzu gern, dass all diese Kritik „zum Wohle des Kindes“, die eine unglückliche Mutter nach sich zieht, auch unglückliche Kinder bedeutet. Und das ist doch angeblich das, was wir nicht wollen, oder?

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