[Erziehung] Kinderfotos im Internet – muss das sein?

Heute widme ich mich einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt und die Gemüter der Elternschaft spaltet. Es geht um Kinderfotos im Internet und die Frage, ob das sein muss. Ich nehme hierzu eine klare Haltung ein, die nicht jedem gefällt. Dennoch fände ich es schön, wenn sich jeder – auch wenn er nicht meiner Meinung ist – das Ganze einmal durch den Kopf gehen lässt, ohne direkt mit Abwehr zu reagieren.

Die Anfänge
Ich entstamme als Kind der 80er einer Generation, in der noch niemand Gefahr lief, dass Kinderfotos von ihm öffentlich verbreitet werden. Das Maximum war ein Babyfoto in der Geburtsanzeige der Zeitung und selbst das ist heute schon vergilbt. Umso verstörender ist die Sorglosigkeit, mit der Tausende Eltern die Fotos ihrer Kinder heutzutage auf Plattformen wie Facebook verbreiten, obwohl sie selbst keine Erfahrungen damit machen konnten, wie sich so etwas auf das spätere Leben auswirken kann.
Ich habe live miterlebt, wie das Internet immer größer wurde und welche wunderbaren Möglichkeiten sich daraus ergaben. So stehe ich heute dank Facebook noch in Kontakt zu früheren Schulkameraden, die irgendwo in Deutschland oder der Welt leben und die ich ohne diese Möglichkeit definitiv aus den Augen verloren hätte. Das ist natürlich großartig. Auch habe ich von mir selbst ein Profilbild dort und wähle über selbst angelegte Listen aus, wer sonstige Fotos von mir sehen darf. Da ich schon länger volljährig bin und durchaus realistisch einschätzen kann, was in Ordnung ist und was nicht, kann ich das für mich vertreten.

Was heißt Sicherheit im Internet?
Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich einiges in meinem Onlineverhalten geändert habe, nachdem ich 2010 einen Workshop zu Cybermobbing und Internetsicherheit im Rahmen meiner Ausbildung besucht habe. Viele Dinge macht sich der Otto-Normal-Verbraucher gar nicht bewusst. So schützt sich Jasmin Becker (ausgedachter Name) durch das Abkürzen ihres Nachnamens – Jasmin Be. Super Idee! Nun rufe ich jedoch ihr Profil auf und sehe, dass sie in der Gruppe „Alle, die Becker heißen“ zugange ist. Es erklärt sich von selbst, dass die Abkürzung ihres Nachnamens in dem Fall für die Katz ist. Und ja, auch ich war damals in einer solchen Gruppe. Peinlich, aber wahr.

Interessant war vor allem, dass die Medienberaterin in diesem Workshop von ihren Erfahrungen berichten konnte. Jeden Tag (!) rufen etliche Jugendliche im Landesmedienzentrum an und lassen sich verzweifelt beraten, wie sie Fotos aus dem Internet bekommen, die man über jede herkömmliche Suchmaschine finden kann und die sie besoffen/derangiert/halb nackt etc. zeigen. Spätestens wenn man sich in einem ordentlichen Job bewerben will, wird das relevant. Vor 5 Jahren waren das in der größten Mehrheit sicher noch Fotos, welche die Jugendlichen selbst irgendwann ins Netz gestellt hatten, weil das wahnsinnig komisch war.

Spulen wir nun einmal 15 Jahre in die Zukunft und überlegen uns, wie viele Jugendliche dann nicht nur ihre eigenen Fotos, sondern auch die, welche ihre liebenden Eltern ins Netz gestellt haben, löschen lassen wollen. Die Antwort auf diese Anfrage ist übrigens immer dieselbe: Wenn man Glück hat, liegt das Foto auf einem Server, dessen Betreiber 1. erreichbar und 2. bereit ist, es zu löschen. Wer sich das Foto aber bis dahin auf seinen Rechner kopiert hat, seien es Freunde oder dubiose Firmen für ihre Werbezwecke etc… wer weiß? Das ist es, was „Das Internet vergisst nicht“ eigentlich meint: Teilt man ein Foto öffentlich, stellt man es Millionen (!) anderen Menschen zur Verfügung und ermöglicht ihnen, damit zu tun, was sie wollen.

Kinderfotos im Netz – muss das sein???
Ich habe selbst einen Sohn. Schon vor seiner Geburt war für mich klar, von ihm werden keine Fotos ins Internet gestellt. Auch allen Freunden und der Familie wurde das unmissverständlich klar gemacht. Wer mich kennt weiß aber auch, dass er sich an solche Anweisungen halten sollte. Natürlich verschicken wir mal Fotos per E-Mail, gerade weil die Großeltern weit weg wohnen. Es muss also nicht zwangsläufig darum gehen, Kinderfotos, wenn man es denn unbedingt will, komplett aus dem Internet herauszuhalten und das Ganze zu verteufeln.
Aber es gibt Möglichkeiten, Freunden und Verwandten Fotos zugänglich zu machen, auf die 1. nur sie Zugriff haben und nicht noch Millionen andere Menschen und wo man 2. nicht die Rechte an den eigenen Bildern abgibt. Und das tut man bei Facebook. Die Seite ist berechtigt, Fotos, die bei ihnen hochgeladen wurden, für Werbung zu verwenden bzw. sie sogar an andere Firmen zwecks deren Werbung weiter zu geben.

Natürlich ist es angenehmer, nicht weiter darüber nachzudenken. Und „Es wird schon nichts passieren“ geht auch immer. Das hat sich aber mit Sicherheit auch jedes Unfallopfer 2014 gedacht, das morgens sorglos in sein Auto gestiegen ist. Es geht nicht darum, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass jemand Unfug mit den Kinderfotos treibt oder dass ein zukünftiger Chef sie im Internet findet (und durch meine Arbeit weiß ich, dass Firmen tatsächlich nach potentiellen Auszubildenden googeln), sondern es geht darum, dass solche Dinge passieren können und dass man sie deshalb unterlässt. Für mich gibt es da auch keinen Verhandlungsspielraum. Ich sage ja auch nicht: „Hey, mein Sohn ist jetzt 3 Jahre ohne Autounfall mit mir gefahren, da brauche ich eigentlich auch keinen Kindersitz mehr für ihn.“

Warum stellen Eltern Kinderbilder öffentlich oder teil-öffentlich ins Netz? Ich gebe zu, ich liebe es, Fotoalben heraus zu holen, wenn Freunde zu Besuch sind und zeige dann voller Stolz mein Kind in den verschiedenen Entwicklungsphasen. Daher kann ich durchaus nachvollziehen, warum manche Eltern gern so viel positive Verstärkung wie nur irgend möglich haben wollen. Man ist eben stolz.
Aber wenn das eigene Kind noch klein ist, hat es kein Facebook-Profil. Die Nutznießer sind also die Eltern. Da gibt es keine Frage, es ist so. Es mag das Ego streicheln, wenn 30 andere Leute das hübsche Kind in den Himmel loben und liken. Aber in diesem Moment nimmt man sich selbst wichtiger als sein eigenes Kind.
Dürfen die Großeltern, Tanten, Cousins, Paten und besten Freunde den neusten Schnappschuss des Wonneproppens sehen? Natürlich, warum auch nicht. Muss eine ehemalige Mitschülerin, die ich seit 15 Jahren nicht mehr live gesehen habe oder ein ehemaliger Arbeitskollege, mit dem ich mich zwar gut verstanden habe, aber privat keine Berührungspunkte hatte, mein Kind sehen? NEIN!

In diesem Artikel der ZDDK wird übrigens aufschlussreich informiert über Internetseiten, die geklaute Kinderfotos zur Schau stellen: Fotos von Kindern auf Facebook

Es würde mich freuen, wenn sich jeder einmal ein paar Minuten Gedanken dazu macht, ob er sich Anerkennung nicht selbst holen kann, sondern dazu wirklich Kinderfotos im Netz öffentlich zugänglich machen muss. Für mich persönlich ist und bleibt das Thema indiskutabel. Es wird keinen Menschen geben, der mir einen plausiblen Grund nennen kann, warum ich meinem Kind so etwas antun sollte. Er soll doch ein Mensch werden, der ein Gefühl für den eigenen Wert hat. Wie soll er das schaffen, wenn ich mir schon in seiner Kindheit das Recht an seinem Gesicht genommen und es zur Schau gestellt habe?

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