Trauerbewältigung

Es ist ja immer ganz nett, einen eigenen Blog zu haben und über die Dinge schreiben zu können, die einem am Herzen liegen. In meinem Fall sind das die Fragen, die mich zur Kindererziehung umtreiben sowie die Bücher, Filme und Serien, die mich begeistern und ich nehme mir mit diesem Blog auch einfach den Luxus, über alles zu schreiben, das mich irgendwie interessiert oder beschäftigt.

Vor einem Jahr musste ich mich leider mit diesem speziellen Thema auseinander setzen. Das ist nichts, das glücklich macht und trotzdem habe ich das Gefühl, ich müsste einmal darüber schreiben. Darüber, wie seltsam es mir vorkommt, dass die Welt sich einfach weiter gedreht hat, als ich ein wichtiges Familienmitglied verloren habe. Und wie sie sich immer noch weiter dreht und wie ich einige Tage lang die Menschen verachtet habe, die in diesem Moment nicht denselben Schmerz durchmachen mussten wie ich.
Natürlich ist das unsinnig, denn sie haben mit Sicherheit auch schon mal jemanden verloren und mir ging es zu der Zeit gut. Ich spreche hier von spontanen, unkontrollierbaren Gefühlen, die einen heimsuchen, wenn man sonst nichts mehr hat. Wenn man irgendwie mit dem Gedanken klarkommen muss, mit einer Person nie mehr reden, nie mehr lachen zu können.

Jeder Mensch – das habe ich gelernt – geht mit seiner Trauer anders um. Manche brechen weinend zusammen, manche verdrängen einfach komplett. Und dann gibt es mich, ich reagiere zunächst mit Unglauben, dann mit Wut. Es ist, als wollte ich mein Gegenüber zwingen zuzugeben, dass es nur einen Scherz gemacht hat. Auch wenn das schwer fällt, ist es doch wichtig, zu akzeptieren, wie ein Mensch trauert. Merkt man ihm gar nichts an, lebt er sein Leben einfach weiter wie bisher, dann kann er vielleicht nicht anders damit umgehen. Ich gebe zu, ich stoße da dennoch an meine Grenzen, auch wenn ich das theoretisch weiß. Ich selbst bin ganz anders. Ich reflektiere permament, den ganzen Tag… mein eigenes Verhalten und das meines Umfeldes. Versuche, zu verstehen, wie andere ticken. Und so tue ich es auch, wenn ich jemanden so plötzlich verliere. Ich weine, ich rede darüber, ich schaue mir Fotos an. Das könnte ich tagelang tun. Ich war schon immer jemand, der gern Fotos gemacht hat, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Speziell vor einem Jahr war ich dafür umso dankbarer. Es bedeutet für mich, dass ich eine reiche Sammlung an Erinnerungen habe, die mir keiner mehr nehmen kann. Viele Momente, festgebrannt auf Fotopapier. Umso kostbarer, wenn die harte Wahrheit ist, dass es keinen solchen Moment mit dieser Person mehr geben wird. Nie mehr.

Viele sagen, die Zeit heilt alle Wunden. Deshalb frage ich mich nun, nach einem Jahr: Ist das so? Die Antwort lautet Ja und Nein. Ja, es wird besser. Es tut nicht weniger weh, aber dafür weniger oft. Nein, es wird nicht besser. Das Vermissen wird nicht weniger. Es gibt Menschen in unserem Leben, die hinterlassen Leerstellen, die kein anderer ausfüllen kann.
Manche sagen, deine Familie ist das, wo hinein du geboren wurdest. Aber eigentlich ist die Familie ein lebendiger Organismus, der sich ständig fortentwickelt. Niemand stirbt mit derselben Familie, in die er hinein geboren wurde. Manchmal hat man das Glück und es schließen sich Menschen, die nicht blutsverwandt sind, dieser Familie an und sie passen dazu. Sie passen zu dir und wachsen dir ins Herz, so dass auch ihr Verlust sehr schmerzt.

Ich kenne leider auch kein Patentrezept, damit es weniger weh tut. Damit es schneller weniger weh tut. Ich glaube, wie das Trauern selbst, muss man da seinen eigenen Weg gehen, darüber hinweg zu kommen. Oder es so in sein Herz zu verschließen, dass man es wie einen Schatz behütet, es aber nicht dauernd ausbrechen und uns blind machen kann.
Den Grund des Schmerzes würde ich gern vergessen. Die Zeit zurück drehen und alles wieder so haben, wie es einmal war. Aber das Vermissen möchte ich nicht vergessen. Es ist die einzige Verbindung, die mir noch bleibt. So oft wir unsere Welt auch in schwarz und weiß betrachten, der Tod ist grau. Er ist unscharf, er verblendet, was gewesen ist. Also sage ich: Fein, dann gehört grau eben jetzt zu meiner Farbpalette.

Ich habe immer noch kein wirksames Rezept gegen den Schmerz. Ich habe aber eins wirklich gelernt. Die Menschen, die noch da sind, muss man schätzen. Man muss dafür sorgen, dass sie sicher wissen, wie gern man sie hat, auch wenn man sich mit ihnen streitet. Wir wissen nicht, wann wir das letzte Mal miteinander reden, aber wir können trotzdem beeinflussen, wie wir in Erinnerung bleiben.

Bis wir uns wiedersehen denk ich an dich. Ich seh dich zwischen den Wolken. Versprochen.

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