[Zeitgeschehen] Über die Resignation gegen Fremdenhass

Schon seit vielen Jahren, seit ich mich als Jugendliche einmal mit der Thematik beschäftigt habe, bin ich gegen Fremdenfeindlichkeit, Fremdenhass, Rassismus, Ausgrenzung… all diese Synonyme, die für dieselbe Sache stehen. Gerade auch, weil ich mich in meiner Ausbildung auf Geschichte spezialisiert habe, ist es mein dringendster Wunsch, dass sie sich nicht wiederholen möge.

Nun sind wir ganz aktuell bereits seit einigen Monaten in einer Extremsituation. Hunderttausende Menschen kommen in unser Land und viele Deutsche haben Angst. Das kann ich verstehen. Man muss realistisch genug sein, sich einzugestehen, dass wir nicht wissen, wie es weiter gehen wird. Wie sich die Situation in einigen Jahren entwickelt haben wird. Dafür habe ich vollstes Verständnis und möchte diese Ängste auch niemandem absprechen oder ausreden.

Wofür ich – und das wird auch immer so bleiben – kein Verständnis habe, ist das Fremde abzulehnen und offen zu sein für Verschwörungstheorien und Verallgemeinerungen. Die große Errungenschaft des Internets zeigt ganz ungefiltert und mit erschreckender Klarheit, wie viele Menschen ihre Ängste und Vorurteile dadurch aufarbeiten, dass sie den schlimmsten möglichen Ausgang der Situation als vorherbestimmt ansehen. Noch erschreckender ist, wie viele andere sich davon mitreißen lassen.
Warum ist das Radikale so viel attraktiver als die Menschlichkeit? So viel beeindruckender als Toleranz? Geschichtlich betrachtet sind Menschenrechte und Toleranz, gerade was Religion angeht, noch sehr jung. Man beruft sich also auf das Althergebrachte und lehnt das Fremde ab. Nun sind aber auch Glaubenskriege geschichtlich betrachtet ein gängiger Weg, um Religionen zu unterdrücken. Ist es nicht paradox, dass wir an unserer alten, menschenfeindlichen Haltung festhalten, WEIL wir Angst vor einem Glaubenskrieg haben? Beides geht – und das ist historisch belegt – Hand in Hand. Wir werden also eher einen Krieg auslösen, wenn wir das Fremde ablehnen, beleidigen, Gebäude anzünden. Das ist Fakt, daran lässt sich nichts schön reden.

Nun ist meine Meinung ja, dass man nicht weghören sollte, wenn jemand rechtsradikale Parolen schmettert. Die Erfahrung zeigt zwar, dass solche Menschen unbelehrbar sind, aber trotzdem habe ich mich dagegen entschieden, einfach still zu sein. Dass ich deren Meinung nicht ändern kann heißt nicht, dass ich nicht an der Meinung der Mitleser bauen kann. Im Vertrauen darauf, dass menschenverachtend zu denken nicht jedem als selbstverständlich erscheint.
Viele Wochen lang habe ich diesen Sommer regelrecht erbittert Aufklärung betrieben und gegen Vorurteile und Unwissenheit gekämpft. Sowohl in meinem täglichen Leben als auch im Internet habe ich mich bei jeder Diskussion eingemischt. Zum ersten Mal das Gefühl, aufgeben zu müssen, hatte ich, als der kleine Junge an der türkischen Küste gefunden wurde. Der Dreijährige war ertrunken, als der Schlepper unterging, mit dem seine Eltern, sein Bruder und er geflüchtet sind. Schon einen Tag später ging die Meldung durch das Netz, dass ein junger Mann verhaftet wurde, der öffentlich bei Facebook gefeiert (!) hat, dass dieses Kind gestorben ist. Ein Kind sei noch zu wenig, hieß es. Und ich fühlte mich ohnmächtig. Ich kann so viel reden, wie ich will. Gegen diese Art von Hass, bei der ein Menschenleben nichts Wert ist, komme ich nicht an. Diese Art von Hass, bei der man einem Kind den Tod wünscht und ihn sogar feiert. Wenn es Menschen gibt, die so schlecht sind, dann kann ich nichts dagegen tun.
Dieses Gefühl der Machtlosigkeit wird auch nicht besser, wenn Fremdenfeindlichkeit im engsten Umfeld Einzug hält. Man hat Bedenken. Man möchte nicht benachteiligt werden. Und das, nachdem ich Monate damit zugebracht habe, Aufklärung zu leisten. Ich habe das Gefühl, am Limit zu sein. Resigniert. Ausgebrannt, was dieses Thema angeht. Ich rede und rede, aber niemand hört wirklich zu. Ich weiß nicht, ob Radikale immer die lautere Stimme haben werden, aber es kommt mir im Moment sehr oft so vor. Und das Traurige ist, dass ich viel mehr Menschen kenne, die anfangs noch zumindest neutral gegenüber der Flüchtlingsfrage waren und mittlerweile hohle Phrasen nachplappern, als solche, die radikal eingestellt waren und sich von guten Argumenten und einem Apell an Menschlichkeit überzeugen ließen. Letztere kenne ich eigentlich gar nicht.
Das, was uns hier und heute verloren geht, gibt uns niemand mehr zurück. Ich denke, dass unsere Menschlichkeit mehr wert sein sollte, als der Kram, den wir um uns ansammeln. Viele haben diese Einstellung verloren. Niemand gibt sie ihnen zurück, also was passiert mit ihnen?

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Ein Gedanke zu “[Zeitgeschehen] Über die Resignation gegen Fremdenhass

  1. Es ergeht mir ähnlich wie dir. Du hast das sehr treffend beschrieben. Dennoch dürfen wir uns von diesem Gefühl nicht unterkriegen lassen. Es gibt so viele Menschen, die sich engagieren und ihre Meinung öffentlich kund tun…und die müssen wir uns vor Augen halten. Ich denke auch oft, dass ich in meinem persönlichen Umfeld nicht viel bei anderen bewirken kann. Aber die Masse der Menschen, die den ganzen hohlen Phrasen etwas entgegensetzt macht es aus, dass ich merke, dass ich es in meinem Mikro-Kosmos richtig mache.
    Es gibt noch viel zu tun, packen wir’s an 🙂

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