[Erziehung] Etiketten auf dem Kind?

etikett-22487Jeder von uns kennt Etiketten. Sie kleben im Supermarkt auf den Waren und hängen an neuen Kleidungsstücken im Klamottenladen. Etiketten weisen aus, um was es sich bei einem Artikel handelt und wie viel er wert ist. Was im Einzelhandel praktisch ist, wird erst fragwürdig, wenn wir uns bewusst machen, dass wir auch unsere Kinder mit Etiketten versehen.

Da ich gerade erst als Mutter diese leidvolle Erfahrung machen musste und unbewusst auch in meinem Beruf eine solche Etikettierung Jugendlicher vorgenommen habe, beschäftigt mich das Thema im Moment sehr. Pädagogen werden im Grunde darin ausgebildet, Kinder mit Etiketten zu versehen, um sie besser einordnen zu können. Erst als Mutter mit einem dreidimensionalen Blick auf das eigene Kind, erkennt man den Fehler hieran.
Das Ganze begann mit dem Etikett „Störenfried“, als mein Kind mehrmals den Stuhlkreis im Kindergarten gestört hat. Die Rede war von „verhaltensauffällig“, noch so ein nettes Etikett, das aber durch „sehr schlau“ relativiert wurde. Bauchweh macht es einem trotzdem.
Nun wurde erkannt, dass mein Kind über all diese Etiketten hinaus auch noch „hochbegabt“ sei, ein Etikett, das laut Kitapädagogen häufig mit „Störenfried“ einher geht. Nachdem ich mir mehrere Wochen starke Bauchschmerzen mit diesen Labels gemacht habe, kam ich zu der Erkenntnis, dass es für mich einfach keine Option ist, mein Kind mit einem Schild gekennzeichnet in ein Regal zu schieben, wo es ab sofort als ein bestimmter, genau definierter Kinderartikel geführt wird.

Diese Etikettierung kennt doch jeder von uns noch aus der Schule. „Streber“, „Sportler, kann aber sonst nichts“, „Partymaus“, „Außenseiter“… es gibt nicht endlos viele, weil es uns überfordert, die Menschen in zu viele Kategorien einordnen zu müssen. Reflektiert habe ich das aber wie gesagt erst in den letzten Wochen, stelle also mit Erschrecken fest, dass ich es bisher nicht anders gemacht habe. Für eine erste Orientierung mag es auch hilfreich sein, jemandem ein Label aufzudrücken, aber danach sollte man doch tiefer blicken. Wir Erwachsenen stecken das ganz gut weg, auf den ersten Blick als arrogant oder naiv abgestempelt zu werden, doch ich frage mich, was mit Kindern passiert, die immer und immer wieder hören, sie wären dieses eine Etikett. Ist das nicht eine selbst erfüllende Prophezeiung? In sechs Jahren im Beruf habe ich jedenfalls nur sehr, sehr wenige Kinder/Jugendliche erlebt, die aus dem Etikett „Störenfried“ wieder heraus kamen und sich ein neues Label aufdrücken konnten. Das ist paradox! Wie soll ich einem jungen Menschen die Kompetenz vermitteln, sich eine eigene Meinung zu bilden und Dinge zu reflektieren, wenn er selbst etikettiert wurde? Das wird nicht funktionieren. Wir alle wissen, die meisten Etiketten lassen sich nicht abziehen, ohne hässliche Rückstände des Klebers zu hinterlassen.

Wäre es nicht eine gute Idee, Kinder mal als Ganzes zu betrachten? Kann nicht ein Quälgeist auch ein lieber Kerl sein? Kann ein Streber nicht auch mal über die Strenge schlagen? Ich weiß jedenfalls, dass ich mir mein eigenes Kind dreidimensional wünsche. Ich hoffe sehr, dass er mit all seinen Facetten wahrgenommen wird, auch wenn die negativen oft wie Baustrahler wahrgenommen werden und die guten deshalb übersehen werden. Und ich nehme mir vor, mir diesbezüglich in meinem Beruf auch mehr Mühe zu geben. Hinter die Fassade schauen, reden, zuhören.
Damit Kinder mehr sind als Etiketten.

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4 Gedanken zu “[Erziehung] Etiketten auf dem Kind?

  1. Jetzt bist du aber etwas Negativ. Wir haben doch zahlreiche Beispiele, dass die Kinder eben nicht nur jenes Etikett sind, sondern sich durchaus wandeln im Laufe ihrer Entwicklung und sich in unterschiedlichen Situationen auch völligst unterschiedlich verhalten. Da kann der größte Klassenclown und Störenfried auf einer Fahrt zum Beispiel zum zuverlässigsten Halt der Gemeinschaft werden. Da trägt ein Kind, das immer nervte, störte und verbal ausfällig war, in einer anderen Klasse plötzlich zum friedlichen Zusammenleben bei und bringt sich positiv ein. Aber auch umgekehrt werden aus super lieben Schülern auch schon einmal wahre Arschlochkinder und natürlich hat jeder mal so seine Tage in denen er/sie nicht wie sonst ist.
    Oft ist ein gewisses Verhalten halt von der Gruppe oder der Situation abhängig, das geht uns Erwachsenen nicht anders.

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    • Ich weiß, dass manche Kinder aus ihrer Etikettierung heraus kommen, aber ich denke gerade an ein spezielles Beispiel aus dem letzten Jahr, bei dem das nicht mehr möglich war und der deshalb gegangen ist. Die Frage, die ich mir stelle, ist viel mehr: Was passiert mit den Kindern, die sich selbst irgendwann über ihre Etiketten definieren, weil sie da nicht mehr raus kommen. Irgendwann ist ein Störenfried einfach nur ein Störenfried und kann dann auch tun, was er will, er kommt aus der Nummer nicht mehr raus. Das war der Hintergedanke.
      Und ja, dein Etikett passt 😉

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  2. Ein richtig toller und ehrlicher Beitrag!
    So richtig Gedanken darüber habe ich mir noch nie gemacht, aber du hast vollkommen recht. Wir „etikettieren“ Menschen sofort und lassen die Etikette meistens auch nach lange dran ohne uns ein neues Bild vom Menschen zu machen.
    Ich werde mir dies auch zu Herzen nehmen und den Menschen in meiner Umgebung mehr Freiraum für Charakter, Stärken und Schwächen einräumen!
    Wünsche dir eine tolle Woche!

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