[Literatur] Joanne Bischof: Wo mein Herz zu Hause ist

192082Inhalt

Ella lernt Charlie kennen, als er verzweifelt mit einem Baby im Arm in dem Krankenhaus auftaucht, wo sie als Krankenschwester arbeitet. Als der voreingenommene Arzt ihn – den Zigeuner aus dem Zirkus – des Hauses verweist, ist Ella dennoch entschlossen, dem Baby zu helfen und folgt Charlie in den Zirkus, der momentan Aufenthalt in ihrer Stadt hat. Dort lernt sie Charlie, den Löwenbändiger, näher kennen und ist sowohl verzaubert als auch abgeschreckt vom Leben der Zirkusleute, die sie als Zeisel bezeichnen.
Immer wieder zieht es Ella zu Charlie und dem Baby, doch der Zirkus wird bald weiter ziehen und Charlie ist auf eine Weise an ihn gebunden, die jede mögliche Zukunft mit Ella aussichtslos erscheinen lässt…

Kritik

Nachdem ich „Küß mich, Engel“ von Susan Elizabeth Phillipps zum wiederholten Mal gelesen habe – eins meiner absoluten Lieblingsbücher – war mir so gar nicht danach, die Welt des Zirkus direkt wieder zu verlassen, also habe ich mich auf die Suche nach anderen Geschichten gemacht, die in diesem Umfeld spielen.
„Wo mein Herz zu Hause ist“ ist im Jahr 1890 angesiedelt und die Originalausgabe hatte wahnsinnig gute Kritiken, deshalb wollte ich das Buch auch gern lesen. Durch die Zeit, in der die Geschichte spielt, lernt man viel darüber, wie der Zirkus früher funktioniert hat. Monstrositätenkabinett, Löwenbändiger, Artisten, die ihre Familien zurückgelassen haben, um beim Zirkus zu leben. Das alles ist wirklich gut recherchiert und Joanne Bischof schafft es einmalig, das Flair des Zirkus um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert aufleben zu lassen.
Auch Charlies Arbeit mir den Löwen ist faszinierend.

Ella ist eine junge Frau Anfang 20, die gern Krankenschwester geworden wäre, sich die Ausbildung aber nicht leisten konnte und sich deshalb das komplette Wissen selbst mittels Büchern angeeignet hat. Sie ist sehr bemüht und Charlie ehrlich zugetan, doch hat sie in ihrer Vergangenheit bereits Schlimmes erlebt, das die Möglichkeit einer Beziehung der beiden schwer belastet.
Die Liebesgeschichte entwickelt sich zart und authentisch. Man merkt, dass man hier in einer Zeit ist, in der es nicht normal war, direkt übereinander herzufallen. Man tastet sich vielmehr langsam vor und jede Berührung hat noch etwas zu bedeuten. Das fand ich wirklich zauberhaft, muss ich sagen.
Insgesamt kann ich das Buch sehr empfehlen, wenn ihr gern historische Liebesromane ohne explizite Szenen lest und euch der Zirkus als Schauplatz interessiert.

9/10 Punkte

Erschienen im Brunnen Verlag, Juni 2017
Originaltitel: The Lady and the Lionheart
Taschenbuch 17 Euro
Nicht als eBook erhältlich
Weitere Infos findet ihr hier: http://brunnen-verlag.de/

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[Literatur] Jonas Zauels: Alle Farben der Nacht

InhaltZauels, Alle Farben_DOWNLOAD

Emilia ist unglücklich. Sie ist jung und fühlt sich allein, sucht ihren Weg. Sie betäubt sich mit Alkohol und Drogen. Sie versucht zu vergessen und zu entkommen. Erinnerungen, Gefühlen, der Realität.

Kritik

Ich glaube, ich habe noch nie eine so knappe Inhaltszusammenfassung geschrieben. Aber sie drückt exakt aus, worum es für mich in diesem Buch ging und jede weitere Information würde vielleicht zu viel von der Geschichte vorwegnehmen.

Zunächst muss ich sagen, ich habe mich mit diesem Buch ein Stück aus meiner Komfortzone heraus gewagt. Generell passt es vom Subgenre New Adult her definitiv in mein Beuteschema, aber ich lese ja normalerweise eher Wohlfühlbücher, wobei New Adult auch immer wieder Themen beinhaltet, die schwer zu verdauen sind. Aber das hatte hier eine andere Qualität.
„Alle Farben der Nacht“ ist kein Buch zum Wohlfühlen. Es ist beklemmend, und zwar von der ersten Seite an. Nach dem Prolog und dem ersten Kapitel dachte ich kurzzeitig darüber nach, abzubrechen, weil es für mich schwer zu ertragen war, wie Emilia so ohne Hoffnung und teilweise ohne jede Verbindung zu ihrem eigenen Selbst zu sein scheint.
Jonas Zauels, der Autor, eröffnet die Geschichte in der personalen Erzählperspektive aus Emilias Sicht, und doch auch wieder nicht. Man hat zwar das Gefühl, die Geschichte wird aus Emilias Sicht berichtet, aber auch so, als würde sie ihr eigenes Leben aus einer Blase heraus distanziert betrachten.
Zudem zeigen die kurzen, abgehackten Sätze, mit denen die Geschichte zu Beginn erzählt wird, dass sie kaum einmal nüchtern ist. Dass sie ihr eigenes Leben nicht in ihrer Hand hat. Dass sie kommunizieren möchte, aber doch keinen Sinn darin sieht. Der Schreibstil vermittelt eine Hoffnungslosigkeit, die wirklich beklemmend für mich war. Erinnert hat mich dieser Stil stark an Elfriede Jelinek, die zu lesen mir aus denselben Gründen ebenfalls sehr schwer gefallen ist.

Warum habe ich trotzdem weiter gelesen? Ganz ehrlich, es ging nicht anders. Man wartet darauf, dass Emilia einen Weg heraus aus ihrem Unglück findet, dass sie nein sagt zu Drogen, dass sie der Wahrheit ins Gesicht blickt. Dass die Menschen, die ihr begegnen, vielleicht zu ihr durchdringen.
An einer gewissen Stelle im Buch hat es dann bei mit „Klick“ gemacht und ich wusste ungefähr, wo die Reise hingeht, aber gerade das hat mich noch stärker motiviert herauszufinden, ob ich mit meinen ganzen Vermutungen richtig lag.

Ich möchte dieses Buch, anders als ich es sonst tue, nicht mit Punkten bewerten, weil ich normalerweise das Wohlgefühl, das ein Buch in mir ausgelöst hat, als Grundlage dafür nehme. Das ist hier nicht möglich. „Alle Farben der Nacht“ ist kein Buch zum Wohlfühlen, das soll es auch nicht sein. Es zieht einen wie ein Sog in das beklemmende Gefühl hinein, in Emilias Haut zu stecken. Und ich denke im Kern vermittelt es ganz großartig, wie viel man in einem jungen Menschen kaputt machen kann und wie sich dies auf sein ganzes Selbst auswirkt. Wie manche Menschen einfach die Verbindung zu ihrem Selbst verlieren, ohne greifen zu können, was mit ihnen geschehen ist oder wie sie es wieder zurück erlangen können.

Meine Rezension mag kryptisch klingen, aber das ist dieses Buch auch zu einem Teil. Trotzdem empfehle ich es für jeden, der etwas Anspruchsvolles, jenseits des Mainstreams lesen will und der keine Angst hat, seine Komfortzone zu verlassen. Gerade weil Jonas Zauels, wie ich erstaunt festgestellt habe, noch ein junger Autor in den Zwanzigern ist, ist dieses Buch empfehlenswert, denn er stellt Emilia bedrückend authentisch dar und das, obwohl es sein Erstlingswerk ist.

Erschienen im Ulrike Helmer Verlag, März 2017
176 Seiten
Taschenbuch 12,95 Euro
E-Book 8,99 Euro
Weitere Infos findet ihr hier: https://www.ulrike-helmer-verlag.de/